Prosaminiaturen
Klangplaneten
Wir liegen im wiegenden Gras
Über uns die Nacht wie ein großes Bettlaken
„Wenn du ganz still bist,
hörst du, wie die Planeten zerbersten“, sagst du
Achterbahnecho
Wir verbringen den Tag am Jahrmarkt
Im Auto auf dem Heimweg kristallisiert der Zucker zwischen meinen Zähnen
Du sagst, dass du die Achterbahn noch in dir rattern spürst
Angstrot
Wir stehen vor dem Spiegel
und malen alle Körperteile rot an, vor denen wir Angst haben
Du hast Angst, dass deine Beine dich eines Tages nicht mehr tragen
Ich habe Angst, dass ich aufgehe wie ein Kuchen im Backrohr
Luftballonvögel
In der Parkgarage gurren die Tauben
Wenn wir ihnen zu nahe kommen,
zerplatzen sie wie Luftballons
in einen Federhaufen
Zuckerwattenkälte
Wir machen eine Wanderung
Durch eisverkrustete Landschaften
„Die Kälte ist so greifbar,
als wäre sie aus Zuckerwatte“, lachst du.
Wir kosten sie
aber sie schmeckt nicht so süß
Karussellgötter
Wir denken über Religion nach
eingehüllt in das finstere Gewölbe einer Kathedrale
„Die Götter ziehen vorüber wie in einem Karussell“, sagst du.
„Manchmal bleibt es stehen, dann glauben wir eine Weile an sie.“
Uns gefällt der Gedanke,
dass die Menschen dazwischen auf sich allein gestellt sind.
Suchwolken
Ich denke, dass die Wolken auf Wanderschaft sind.
Du meinst, dass sie etwas suchen,
aber wir wissen beide nicht,
was das sein könnte.
Ballbeckenblau
Als Kinder haben wir gemeinsam im Ballbecken gespielt
Und du hast mich immer mit den Bällen beworfen
Dann hast du zu trinken angefangen
In deinen Wutausbrüchen besprenkelst du mich mit blauen Mustern
Wenn ich in den Spiegel schaue,
rede ich mir ein, dass du es auch heute noch nicht böse meinst
Taschenlampenprojektion
Ich war einmal nachts im Wald
Im Licht der Taschenlampe wurden Bäume zu Friedhöfen
und Tiere zu Geisterskeletten
Die Angst waberte dickflüssig durch meinen Körper
Milchstraßenhall
Ein anderes Mal liegen wir in der Hängematte
sie bewegt sich im Rhythmus der Erdumdrehung
Je später es wird
desto lauter funkeln die Sterne auf der Milchstraße